Der Einfachheit halber
Ich habe es im Zusammenhang mit Kony schon erwähnt, dass die Attraktivität bei solchen “Kampagnen” in der moralischen und argumentativen Einfachheit liegt. Mir fällt dabei immer wieder auf, wie die verschiedensten Menschen mit den verschiedensten Hintergründen und Überzeugungen allesamt zuweilen dieser Verführung erliegen. Nichts ist einfacher als das Extreme. Einen als extrem böse portraitierten Menschen zu verurteilen, ist leichter, als einen zweigesichtigen, getarnten Teufel. Politisch extrem rechts ist genau so einfach und genau so dumm wie extrem links. Das Extreme lässt nämlich nur eine Wahrheit zu, ungeachtet der Tatsache, dass es das Eine, das Einzige, bei 6 Milliarden Menschen auf der Welt nie gegeben hat, nicht gibt und auch nie geben wird. Auch nicht bei “Gott” und in der Religion. Schon gar nicht da! Ich erlebe also mit, wie sogar Freunde, die ich für sehr überlegte, gebildete Menschen halte, bei bestimmten Themen in ein Muster verfallen, das auch schon im Mittelalter die Inquisition geliebt und genützt hat und neben dem heutzutage im Lexikon das Logo der BILD Zeitung kleben sollte. Man lässt einfach nicht zu, dass Dinge anders sein könnten, dass es vielleicht doch nicht so einfach ist, wie man gerne hätte.
Mein Lieblingsthema ist dabei die genetische Determinierung beim Menschen. Das ist überhaupt auch erst der Grund, warum ich auf dieses Thema im Zusammenhang mit Kony gekommen bin. Der Typ ist ja schwarz, und über Schwarze existieren so einige Stereotypen. Langer Schwengel, hoher Körperbau, athletische Veranlagung, etc. Hätte es vor gut 80 Jahren nicht einen komplett grenzdebilen Hurensohn und ein Volk, das ihm in geistiger Leere nicht weit nachgestanden haben kann, gegeben, die mit diesem Begriff den vielleicht tragischsten Massenmord der Menschheitsgeschichte begründet hat, würden wir in Anbetracht der gut bestückten, großen, fitten Schwarzen warscheinlich von “Rasse” sprechen. Verzeiht, wenn meine Typologie da nicht die beste ist, aber daneben würde ich jetzt mal auf die Schnelle noch “Weiße/Kaukasier”, “Asiaten” und als Sammelbegriff die “Indigenen Völker” (Aborigines, Indios, Indianer, etc.) klassifizieren.
Dass die schwarz-rot-weißen Orks in Springerstiefeln mit dem Ausdruck Rasse weiter ihr armseliges Schindluder treiben können, liegt vor allem daran, dass der klassische Bildungsmensch hier sein Heil im anderen Extrem sucht und mal kurz so tut, als gäb es sowas gar nicht. Vielleicht ist das ja auch so, vielleicht gibts wirklich keine Rassen und folglich keine genetischen Unterschiede, bei den Menschen. Aber kommt schon. Wieviele Hunderassen kennen wir? Wieviele bei Affen? Und jetz soll das beim Mensch auf einmal ganz anders sein? Das klingt doch irgendwie nicht logisch. Trotzdem wird fröhlich tabuisiert und sich als meinungsstarker, intelligenter Mensch gefühlt, wenn man in der Hinsicht eine stramme Anti-Haltung einnimmt und sich solcherlei Gerede verbittet. Wie siehts bei den Schwulen aus, bei den Frauen, beim Glauben? Nicht viel besser. Was habt ihr, ihr denkendes, liberales Bildungsvolk (zumindest stell ich mir vor, dass meine ein, zwei Leser so eine Art Mensch sind) auf die schnelle an guten, objektiven Gegenargumenten dem Standpunkt entgegen zu setzen, dass Homosexualität von der Natur nicht gewollt, also falsch ist? Man fühlt instinktiv, dass es so nicht ist und nicht sein darf. Und genau das sagt man dann auch. “Was bist du für eine Art Mensch, so zu denken, also sowas Dummes hätte ich von Dir jetzt nicht gedacht!” Tjaja, das gute alte Extrem. Man lässt des anderen Meinung einfach nicht zu, man verweigert sich der intellektuellen Beschäftigung mit dem Thema. Das ist doch nicht stark, das ist nich tapfer, das ist keine Zivilcourage.
Extrem ist feige. Saufeige. Tapfer sind die, die sich in die Grauzonen vorwagen, die sich den Fragen stellen und mal wirklich drüber reden. Die nicht sofort schwarz und weiß sehen. Viele werden sich jetzt denken, ja Simon, sag das mal zu dir selbst. Aber ich glaube dass ich immer so gut es geht valide Argumente für meine Aussagen finde. Meine Ausdrucksweise mag extrem sein, sind es meine Ansichten? Zumindest ich selbst glaube es nicht. Lasst mich Euch mal ein paar meiner liebsten ethischen Grauzonen-Brainfucks zeigen, dann könnt ihr ja mal ausprobieren, wie es euch dabei geht.
- Natürlich, nochmal, das Thema von gerade eben, die Rassenfrage. Lasst mich daraus mal kurz eine steile These formulieren: Schwarze haben längere Pimmel, athletischere Veranlagung und sind oft groß gewachsen, haben also körperlich einen klaren Vorteil, dafür können wir weißen, wabbeligen, wortgewandten Fettsäcke besser denken. Ist das so einfach vom Tisch zu wischen? Ich meine, wer hat hier wen kolonisiert? Wer hat die Welt die letzten paar hundert Jahre dominiert? Kann man den westlichen Zivilisationsvorsprung einzig und allein auf externe Gründe wie Klimazonen und Wanderrouten schieben? Oder ihn gleich ganz verneinen?
Thilo Sarrazin hat etwas ähnliches in seinem Skandalbuch behauptet und ist dafür von jeder halbwegs niveauvollen Zeitung und Partei weggedisst worden. Eine richtig fundierte Gegenkritik hab ich auf die Schnelle nicht finden können, bisschen armselig, oder? Dass man gleich laut schreiend angreift anstatt den Typen mit guten Argumenten clean aufs Eis zu legen.
- Frauen sind Männern körperlich im Durchschnitt unterlegen, kraftintensive Jobs fallen ihnen schwerer, folglich haben sie auch weniger Bock drauf. Eine Frauenquote im Handwerks- und Industriegewerbe macht also keinen Sinn. Klingt logisch, oder? Wie siehts mit “affirmative action” aus, also solchen Frauen, die es doch probieren wollen, bei der Einstellung einen Vorzug geben? Ist diese positive Diskriminierung nicht auf ihre Art wieder entwürdigend? Im Sport genau so. Dass Mädels mit Tricks Snowboardcontests gewinnen, für die Jungs ausgelacht werden würden, ist das letzten Endes gut für den Frauensport?
- Die US Marines haben zig-mal mehr Menschenleben auf dem Gewissen als die Taliban. Wenn Leute in Deutschland also mit Ami-Militaria herumlaufen, dann muss es doch auf jeden Fall genau so OK sein, wenn ich mir ein Motivshirt mit Osama drauf anziehe, oder?
- Denken wir an meinen letzten Post. Die dumme Facebook-Masse, die das Potential der Plattform nicht nutzt, sondern verschwendet. So schwarz-weiß, wie ich das Bild male, ist es nicht, klar. Nur weil Facebook die größte Wissensplattform sein könnte, heisst das nicht, dass man nicht auch mal das Foto vom Hund der Schwester liken kann/darf. Aber wo ist die Grenze? Wer macht zu wenig geistig Wertvolles, wer schon wieder zu viel? Gibt es zu viel Information überhaupt, oder nur schlecht strukturierte?
Die Antwort ist für mich so simpel wie einfach: Es gibt keine. Wenn es auf all diese Fragen dort oben und auf alle anderen schweren Fälle eine allgemeingültige Antwort gäbe, dann hätten die Schafmenschen, die sich ihre Meinung gerne BILDen lassen, ja das große Los gezogen. Nein. So leicht ist es nicht. Antworten auf solche Fragen muss man selbst finden, da muss man drüber nachdenken, Gründe finden und sie dann vor jemandem verteidigen, der anders, und nach Deiner Ansicht falsch, denkt. Und kommt mir jetzt bloß keiner mit “Falsch gibt es nicht.” Falsch gibt es schon, Falsch gibt es mehr, als es Richtig gibt. Solche Fragen muss man immer wieder verhandeln, davon lebt Demokratie, das IST Demokratie. WIR entscheiden, wie das Ergebnis ausfällt. Ob Schwule bei uns sie selbst sein dürfen oder ein menschenunwürdiges Leben führen müssen. Ob ich nächstes Mal in die Uni mein Osama-Shirt anziehen darf, oder nicht.
Also DENKT, REDET, HANDELT, verdammt noch mal! Denn am allerfeigsten, feiger noch als die, die sich’s im Extrem gemütlich machen, sind die Würmer, die gar keine Meinung haben. Sowas ist kein demokratischer Mensch mehr, sowas ist besseres Vieh, das gerade mal zum Ausbeuten für Arbeit und Mindestlohn reicht, das nicht wählen dürfen sollte und über das sich die Politik und die Wirtschaft zusammen in’s Fäustchen lachen. Warum ich mich solche Beschimpfungen traue? Weil die Schuld dieser Menschen ganz allein bei ihnen selbst liegt. Man muss kein Abiturient, kein Student und auch kein Dauerleser sein, um sich eine eigene Meinung mit eigenen Argumenten zu bilden und mit anderen Menschen darüber zu reden. Sich um jede wichtige Unterhaltung drücken, nie das Wichtige ansprechen, das macht jeder selbst, da zieht kein Argument von sozialer Determinierung und auch nicht von Diplomatie. Hinter dieser feigen Diplomatie, hinter dem kotzig eleganten “Da halt ich mich raus! Da sag ich jetz’ mal nix dazu.” kann man sich nämlich super verstecken und den toleranten Weltbürger rauskehren, wenn man in Wahrheit nicht die Eier hat, seine Ansicht zu vertreten. Das sollen sie auch ruhig weiter machen, wenn’s um unwichtige Dinge geht. Aber wenn wir über Frauenquote, die Rassenfrage und Schwulenrechte reden, dann entscheiden sich an so einem Diskurs Millionen von Schicksale. Da macht man sich durch sein Raushalten daran mitschuldig, dass die Hirnamöben, die gegen die Menschenrechte und -würde arbeiten, Erfolge feiern! Da ist Nichts-Sagen ein Verbrechen!
