The Necessary Hate

Kunkel #30

“Wasn das, ist das Jazz? Mach das weg, Frauen verstehen keinen Jazz.“

Ich war mal dabei, als ein Mann mit seinem Fahrrad bei voller Fahrt gegen ein Verkehrsschild fuhr. Das Fahrrad wickelte sich förmlich um den Schilderpfosten, der Mann lag erstmal einige Zeit recht benommen am Boden und blutete aus der Nase. Ungefähr so fühlt sich dieser Satz gerade für mich an.

Sie lügt natürlich. Frauen verstehen Jazz, meine Mama zum Beispiel, die versteht Jazz, aber Madame fühlen sich von ein klein wenig Sonny Rollins bereits überfordert. Gerade mal St. Thomas hatte ich rausgesucht, wirklich nichts zu komplexes, sollte jeder was mit anfangen können, aber das ist ihr schon zu viel. Sie büßt deshalb natürlich gleich Sympathie ein, Frauen ohne Verständnis für Jazz empfinde ich als nicht dauerhaft tragbar. Eine Woche später kommt es dann auch wie es kommen muss. Als ich erfahre, dass sie nicht weiß wer Miles Davis ist, nenne ich sie kulturlos und ignorant, sie verlässt meine Wohnung, die Trennung ist einvernehmlich. Soll sie doch Radio hören gehen, ich rufe lieber zwei Freunde an und verabrede mich mit ihnen in einem Jazzclub, vielleicht kann man da ja brauchbarere Frauen auftreiben.

Jazzclubs sind tot, das wird uns schnell klar, als wir uns einen Platz in einer dunklen Ecke suchen. Die dunklen Ecken sind natürlich alle frei, weil die Leute nicht verstehen, dass sie das Beste an diesen Läden sind. Rauchen darf man auch nicht. Solche Reglementierungen führen das Konzept Jazzclub irgendwie ad absurdum. In einer besseren Welt gäbe es hier nur dunkle Ecken, man würde Gin trinken und wenigstens ein Bisschen Gras rauchen, wer will dürfte auch Heroin drücken, alles für die Kunst. So muss es im New Orleans der Zwanziger in Jazzclubs gewesen sein, eine verzauberte Märchenwelt, die mit der Realität nicht mal im Entferntesten etwas zu tun hat. Die Leute in der Realität trinken Weißbier und fühlen sich ohne Rauch und Heroin wohler. Vor Schwarzen mit Instrumentenkoffern haben sie Angst, man kann ja nie wissen ob da wirklich ein Saxophon drinnen ist.

Neben uns sitzt eine Gruppe junger Ingenieure, die wohl mal was Neues ausprobieren wollten. Sie Tragen weiße Hemden und karierte Jacketts, weil sie denken, dass man in Jazzclubs gut gekleidet sein muss und nicht wissen, dass sie es nicht sind. Ihre Unbedarftheit der Musik gegenüber könnte nicht auffälliger sein. Sie unterhalten sich laut, lachen ständig über niveaulose Witze. Wenn die Band spielt reden und lachen sie lauter, damit sie auch bloß gut verstanden werden, soll ja keiner verpassen, was sie für humorvolle Kerlchen sind.

Die Bedienung ist etwa in unserem Alter, nicht besonders hübsch und ziemlich fett. Ich bin mir nicht sicher, ob sie Jazz mag, aber sie scheint zumindest über unser Erscheinungsbild erfreut. Wir sind die einzigen Menschen hier, die sich nicht in irgendwelche Ausgehkleidung, oder das was sie dafür halten, gezwängt haben. Wir tragen Karohemden und Wolljanker, Second-Hand Hosen und abgewetzte Turnschuhe. Wir bestellen Bier, weil wir uns nicht mehr leisten können und letztlich ja auch wegen der Musik hier sind, nicht wegen irgendwelcher fancy Cocktails. Als sie uns fragt, ob wir auch was essen wollen, verneinen wir und ich sage noch: „Ja ne, Essen ist nicht so wichtig, kann man auch mal drauf verzichten.“ Sie geht zur Bar und während ich ihr Arschfett von links nach rechts schwappen sehe, fühle ich mich ein wenig taktlos, ob meiner soeben getätigten Aussage. Ich bin ja nicht hier um sie zu verarschen, will eigentlich nur Musik hören.

Zwischen unserem Eck und der Band steht noch ein Tisch. Außer uns und den Ingenieuren finden sich an ihm die letzten Gäste unter sechzig. Nichts Außergewöhnliches bei Jazz. Es gibt wohl kaum eine Musikrichtung, bei der die Diskrepanz zwischen Musikern und Publikum deutlicher ist. Jazzmusiker waren früher betrunkene und heroinabhängige Kinder der Arbeiterklasse, die irgendwann mal ein altes Instrument in die Finger bekommen und so lange damit rumprobiert hatten, bis sie abgefahrenes Zeug darauf spielen konnten, das in seiner Komplexität nicht mehr auf Notenblättern festzuhalten war. Jazzer dieser Sorte gibt es leider kaum noch. Sie wurden durch einen Haufen verkünstelter Chaoten abgelöst, die teilweise arg eigenbrötlerisch, zumeist aber doch menschlich eher unkompliziert in der Handhabe sind. Im krassen Gegensatz dazu, besteht das Publikum eher selten aus Leuten, die sich tatsächlich für die Musik interessieren. Der typische Jazzhörer ist Arzt, Anwalt oder ein anderes Besserverdienerklischee, beziehungsweise weiblich und mit einem Arzt, Anwalt oder anderen Besserverdienerklischee verheiratet. Weil er nicht wusste wohin mit seinem Geld, hat er sich irgendwann für eine knappe halbe Million Hi-Fi Equipment gekauft, mit dem er eigentlich gar nichts anzufangen weiß, weil er sowieso den ganzen Tag arbeitet und nie Zeit zum Musikhören hat. Als er das ganze Zeug in seiner stillosen Wohnzimmerschrankwand untergebracht hatte, las er dann irgendwo, dass man derlei Spitzentechnologie eigentlich ausschließlich mit hochqualitativen Jazzaufnahmen richtig ausreizen kann. Also kaufte er sich einen dicken Haufen SACDs mit Klassikern der Jazzgeschichte in 24 Karat Gold und hörte sie nie an, außer Dave Brubeck, den mochte er wegen seiner Strukturiertheit. Weil seine Frau dann auch gerne mal was mit Kultur machen wollte, begann er ab und zu mit ihr zu Jazzkonzerten zu gehen, mochte das ganze Drumherum und redete sich mit der Zeit ein, die Musik zu verstehen und zu mögen. Realistisch betrachtet stimmt beides nicht.

So sitzen also auf der Bühne ein paar begnadete Musiker, die eigentlich nur ein Bisschen Spaß mit ihren Instrumenten haben wollen und im Publikum ein Haufen alter, reicher Männer, die zu Jazzkonzerten gehen, weil man halt zu Jazzkonzerten geht, wenn man ein alter, reicher Mann ist und immer nur darauf hoffen, dass die Band Take Five spielt, dann können sie nämlich zu ihrer Frau sagen „Oh, Take Five, das ist von Dave Brubeck“ und ein Bisschen mit dem Finger schnipsen, weil man das so macht bei Jazzkonzerten.

Die letzte Bastion der Jugendlichkeit neben uns ist weit entfernt davon, derartigen Klischees zu entsprechen. Sie sind wohl, wie die Ingenieure, hier um mal was Neues auszuprobieren. Zumindest die Frauen haben sich – im Rahmen ihrer stilistischen Möglichkeiten – was Nettes angezogen. Alle am Tisch sind sehr bedächtig und geben sich die größte Mühe, heute mal etwas weniger nach Arbeiterklasse auszusehen, fallen dadurch aber natürlich nur umso mehr auf, wofür sie von den Hi-Fi Rentnern mit verächtlichen Blicken gestraft werden. Ich persönlich finde sie unterhaltsam anzusehen und mag sie auch lieber als die Ingenieure, weil sie wenigstens die Schnauze halten wenn die Band spielt. Meine zwei Lieblinge sitzen leider mit dem Rücken zu mir: Ein Kerl mit Goldkette und blonden Strähnchen, dessen Kleidung fast ausschließlich aus Reißverschlüssen besteht und ein Mädchen, das vermutlich seine Freundin ist. Er trommelt unrhythmisch auf dem Tisch herum, wenn die Band spielt und klatscht dauernd, weil er wahrscheinlich bei Wikipedia gelesen hat, dass man bei Jazzkonzerten klatscht wenn jemand ein Solo gespielt hat. Woran man erkennt, dass jemand ein Solo gespielt hat, weiß er nicht. Seine Freundin klatscht auch, sehr affektiert und vorsichtig. Sie klopft eigentlich nur mit den Fingerspitzen in ihre hohle Hand, ohne ein Geräusch zu machen. Ein bedauernswertes Mädchen. Bis zum Hals sieht sie gut aus, ist schlank, trägt schwarze Kleidung und einen türkisen Schal. Oberhalb kann man ihr Gesicht nicht erkennen, weil es hinter ihrer monströsen Nase und ihrem nicht unbedingt zurückhaltenden Kinn verschwindet. Tragischerweise hat sie auch noch eine anstrengende nasale Stimme und muss sich deshalb, trotz ihrer wunderschön glänzenden, braunen Haare, mit Männern wie dem wandelnden Reißverschluss neben ihr zufrieden geben und Jazzkonzerte Besuchen, die sie genauso wenig zu durchschauen vermag, wie annähernd jeder andere im Publikum auch.

Als die Band pausiert, trinken wir wieder Bier, anstatt nur auf den Gläsern herumzutrommeln. Wir reden über sinnloses Zeug und man behauptet ich hätte zugenommen. Ich quittiere das mit einem lautstarken „Ja schon, ich bin echt total fett. Geradezu abstoßend, wie ekelhaft fett ich bin.“ Als ich meinen Satz zu Ende gesprochen habe, bemerke ich, dass die Bedienung schon wieder hinter mir stand. Sie fragt, mit etwas zittriger Stimme, ob wir noch was trinken wollen. Ich bestelle sicherheitshalber noch ein Bier. Sie tut mir schrecklich leid, weil ich ihr dauernd irgendwelche fürchterlichen Sachen an den Kopf werfe, ohne es überhaupt zu wollen. Sie hasst mich jetzt bestimmt und ich kann es ihr nicht mal verübeln. Bis das Bier da ist, gehen wir zum rauchen nach draußen. Außer der Band treffen wir natürlich niemanden, Jazzhörer rauchen offensichtlich nicht, wahrscheinlich halten sie das für Unterschichtengebaren. Wieder drinnen frage ich mich, ob das Bier an meinem Platz möglicherweise Spucke oder Rattengift enthält, traue aber der Bedienung derartiges nicht zu. Sie war, trotz meiner verbalen Ausfälle, immer erstaunlich freundlich geblieben. An der Bar fängt plötzlich die Belegschaft an Happy Birthday zu singen, für die Dicke natürlich, war klar dass ich das ausgerechnet an ihrem Geburtstag machen muss. Ich vergrabe kurz mein Gesicht in meinen Händen, dann geht endlich die Musik weiter.

Nach dem letzten Stück gehen die Rentner nach hause, ist ja auch schon nach zehn und sie haben morgen sicher was wichtiges vor, in Rente sein zum Beispiel, von sechs Uhr früh bis neun Uhr abends, dann aber wieder flugs ins Bettchen. Die Ingenieure haben sich bereits lautstark verabschiedet, während die Band noch spielte. Das hässliche Mädchen und der Reißverschlussmann sind mit ihren Freunden auch gleich nach dem Konzert weitergezogen, außer uns dreien ist also kaum noch jemand da. Ich gehe wieder vor die Tür, um noch eine Zigarette zu rauchen, während ich auf mein letztes Bier warte. Ich habe sie gerade angezündet, als unvermittelt die Tür aufgeht und die dicke Bedienung ihren Kopf nach draußen streckt. Sie schaut nach oben und fragt: „Regnets?“ Ich schaue auch nach oben und sage: „Nö, Geburtstagswetter, herzlichen Glückwunsch übrigens.“ Sie bedankt sich und geht wieder rein. Ich bin stolz auf mich selbst, weil ich sie gerade ziemlich sicher nicht beleidigt habe, rauche meine Zigarette fertig, trinke mein Bier aus und beschließe, auf jeden Fall wieder herzukommen – wegen der Musik.


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