The Necessary Hate

Kunkel #34: Dahøam is Dahøam

Prolog

Es war jetzt zwei Jahre her, dass ich meine WG verlassen hatte und hier hergezogen war. Ich hatte lange genug mit Anderen zusammengewohnt und davon einfach die Schnauze voll gehabt. Folgerichtig hatte ich mein Leben als Mitbewohner mit einem relativ drastischen Schnitt beendet und mir nicht nur eine neue Wohnung in einem anderen Stadtteil gesucht, sondern auch einen neuen Job. Meine Freunde hatte ich natürlich nicht einfach so aufgegeben. Freunde sind was anderes als Wohnungen, die kann man zwar ein Bisschen vernachlässigen, aber Freundschaften kündigen sich nicht so leicht wie Mietverträge. Trotzdem waren es nicht die gleichen Menschen geblieben, mit denen ich die meiste Zeit verbrachte und auch die Dinge, die wir taten wenn wir uns trafen, waren andere als damals.

Der drastische Umbruch hatte mir einiges abverlangt, aber mittlerweile war ich an einen Punkt gekommen, an dem ich behaupten konnte, mich in mein neues Leben eingelebt zu haben. Die Gegend in der ich jetzt wohnte war mir vertraut geworden, ich kannte alle größeren und kleineren Geschäfte, wusste wo es guten Kuchen gab und wo man notfalls ein Grabgesteck herbekäme, kannte den Besitzer des Kiosks ums Eck mit Namen, er kannte meine Zigarettenmarke. Ich wusste bereits im Sommer, welche Farbe die Bäume vor meinem Fenster im Herbst annehmen würden, konnte abschätzen, wann die nette, schwarzhaarige Kassiererin im Drogeriemarkt arbeitet und nur dann hingehen. Ich hatte mich an den Geruch im Treppenhaus gewöhnt, konnte die Haustür aufschließen, ohne dass sich der Schlüssel verhakte und die Wohnungstür, ohne ein Geräusch zu machen, auch wenn das ohne Mitbewohner gar nicht mehr nötig war. In der Küche stand alles was ich brauchte, dort wo ich es brauchte, das Bad war gemütlich und vor allem sauber, was lange Jahre keine Selbstverständlichkeit für mich gewesen war. Mein Bett, mit all den Kissen, war ein kleines Zuhause im Zuhause geworden, meine Möbel an mein Herz gewachsen. Die meisten davon hatte ich gebraucht gekauft oder vom Sperrmüll gesammelt, weil ich es mochte mich mit Dingen zu umgeben, die eine Geschichte haben. Sie hatten Macken und Kratzer, ihnen fehlten Ecken und Kanten. Schubladen hakten manchmal ein Bisschen und Türen knarzten gelegentlich, aber ich war glücklich damit. Meine Teppiche lagen, wie Pfade die ich nur selten verließ, auf dem Parkett und ermöglichten mir ständiges Barfußlaufen. An den Wänden hingen Fotos von Freunden, Bilder die mir geschenkt worden waren und Kunstdrucke die mir gefielen. Ich liebte diese Wohnung, aber ich kannte sie auch auswendig und war sie irgendwie leid. Nach zwei Jahren war es einfach mal wieder an der Zeit, etwas zu ändern – nichts Gigantisches, nur ein paar neue Dinge, die alles wieder ein Bisschen ungewohnter gestalten würden. Neue Handtücher, irgendwas für die Küche, ein paar Gläser oder auch nur ein neues Abtropfgitter für die Spüle, Bilderrähmen und vielleicht neue Vorhänge, Bettwäsche und Pflanzen, ein Farn oder eine Palme oder auch ein Aquarium voller Wasserpflanzen für mein Wohnzimmer. Ich hatte keinen genauen Plan und auch nicht vor, mir jetzt einen zurechtzulegen, weil Samstagnachmittag war und ich noch anderes im Sinn hatte, als die Umgestaltung meiner Wohnung. Ich nahm mir vor, mein restliches Wochenende möglichst intensiv zu verschwenden und am Montag nach der Arbeit zu Ikea zu fahren.

Montag

Ich habe selten, möglicherweise auch nie in meinem Leben so viel Kaffee getrunken, wie an diesem Montagvormittag. Auf meinem Schreibtisch lag ein moderater Stapel abzuarbeitender Dinge, ein paar E-Mails waren seit Freitag gekommen und ein paar andere Sachen hatte ich noch im Hinterkopf. Mein Plan war, das alles so schnell wie möglich hinter mich zu bringen und loszufahren, wann immer ich fertig bin. Weil ich aber am Sonntagabend überraschenden Besuch von zwei Flaschen Rotwein und einer Person bekommen hatte, die davon überzeugt war, eine alte Freundin von mir zu sein, hatte ich mich relativ ungezügelt vollaufen lassen, um ihre Anwesenheit ertragen zu können. Als sie gegen drei endlich gegangen war, hatte ich mich bereits vorsorglich mit Schmerzmitteln vollgepumpt und war beim Versuch mich meiner Hose zu entledigen mit dem Gesicht nach unten in mein Bett gekippt und eingeschlafen. Jetzt bereute ich mein unreifes Verhalten natürlich sehr und wünschte mir, ich hätte sie einfach rausgeschmissen – zu Schulzeiten war ich da auch nie zimperlich gewesen. Um meinen lädierten Zustand auszugleichen und meine Effektivität zu steigern, schüttete ich im Lauf des Vormittags sieben Tassen Kaffee in mich, der mich weniger wach, als zittrig und aggressiv machte, wobei die Aggressivität nicht auffiel, weil ich noch zu schwach war sie auszuleben. Ich hatte natürlich nicht bedacht oder vielleicht auch gar nicht bedenken wollen, dass meine Blase von jeher der einer schwangeren Frau glich. Es war auch gar nicht wichtig, denn das Koffein beschleunigte meine Arbeit derart, dass ich die Zeit die dadurch verloren ging locker wieder reinholte. Bereits um halb zwei war alles erledigt und ich verließ das Büro.

Die Fahrt zu Ikea verlief angenehm reibungslos. Kaum Verkehr auf den Straßen, keine Polizisten, die meinen unverschämt hohen Restalkoholpegel bemängelten, kaum rote Ampeln und nicht ein einziges von diesen mittellosen Studentenarschlöchern, die einem mit ihren dreckigen Lappen die Windschutzscheibe versauen und dann auch noch Geld dafür wollen. Nach schlappen zwanzig Minuten fand ich mich bereits in einem heillos überfüllten Parkhaus wieder. Ich hatte nicht den Hauch einer Ahnung warum, aber offensichtlich musste der Laden bereits um zwei Uhr nachmittags brechend voll sein. Ich wich auf den Parkplatz eines angrenzenden Elektronikmarktes aus und wagte mich, das Schlimmste erwartend, in eine potentiell völlig überfüllte Ikea Filiale, in der, meiner groben Schätzung nach, nicht mehr als hundertfünfzig Kunden anwesend sein konnten. Das überfüllte Parkhaus entbehrte so sehr jeder Logik, dass mein Kopf wohl explodiert wäre, hätte ich mich nicht damit ablenken können schon wieder auf die Toilette zu müssen. Sieben Tassen Kaffee reichten offensichtlich aus, um mich bis zu acht Stunden lang mit zittern und pissen zu beschäftigen. Bei den Waschbecken hing ein Automat, an dem man Erfrischungstücher und Zahnbürsten kaufen konnte. Ich fand die Vorstellung nett, kurz nach Ladenöffnung reinzukommen und jemanden vorzufinden, der gerade im Schlafanzug, mit einem Handtuch mit Preisschild dran über der Schulter dasteht und sich die Zähne putzt. Im Eingang stand ein Hot Dog Stand, den ich sofort ausnutzte, weil diese ernährungswissenschaftlich fragwürdigen Dinger zu einem Einkauf bei Ikea dazugehören und ich sowieso noch nichts gegessen hatte. Danach ging ich zurück in die Toilette, um mir die halbe Tonne Senf, Ketchup und Röstzwiebeln aus dem Bart zu waschen, die ich natürlich auf dieses winzige Würstchen draufgeschaufelt hatte, weil das nun mal alles nichts kostet. In weiser Voraussicht kaufte ich mir am Automaten ein Erfrischungstuch – ich war mir schließlich sicher, dass ich mir spätestens beim Verlassen des Ladens noch einen Hot Dog kaufen und völlig unpragmatisch wieder so viel Senf, Ketchup und Röstzwiebeln draufschaufeln würde, wie es Schwerkraft und Oberflächenspannung zulassen.

Eine lange, steile Rolltreppe, auf der ich ein wenig das Gefühl hatte gestorben zu sein und jetzt, wie in einem Film, in den Himmel hinaufzufahren, nur um oben dann in die Hölle verwiesen zu werden, trug mich in die Möbelausstellung im ersten Stock. Eigentlich hätte ich sie umgehen und gleich zu dem ganzen Kleinkram im Erdgeschoss runtergehen können, aber da ich so viel Zeit hatte, beschloss ich den langen Weg zu nehmen, der mit pseudokreativen Einrichtungsideen, Buchattrappen, Plastikobst und Spalieren aus Bürostühlen gespickt war und an dessen Ende ein halb depressiver Fleischbällchenschaufler im Restaurant wartete. Ich begab mich auf die Reise, die mich zuerst durch Wohnzimmereinrichtungen führte, die perfekt auf die gängigen Wünsche aller nur erdenklichen sozialen Schichten und Altersgruppen angepasst waren. Ich probierte ein paar Sofas und machte mich über das Wort Chaiselongue und die Franzosen im Allgemeinen lustig, setzte mich bald nur noch auf die Teppiche, weil man darauf sowieso am meisten rumsitzt. Ich wendete mich voll Abscheu von hässlichen Schrankwänden und Sideboards ab, gab mich der Illusion von Fernseherattrappen aus Plastik hin und blätterte in Büchern mit erfundenen Titeln und unbedruckten Seiten, die es inhaltlich durchaus mit manchem aufnehmen konnten, das ich schon gelesen hatte. Zwischen ihnen fand ich überraschend eine echte Ausgabe von Mein Name sei Gantenbein. Ich hatte eher was von einem Schwedischen Autoren erwartet, aber die schrieben wohl nur triviale Krimis und nichts was man sich öffentlichkeitswirksam ins Bücherregal stellen konnte. Offensichtlich nicht mal in Schweden.

Ich befreite das Buch aus seinem blütenweißen Wohnzimmer mit dem grasgrünen Ecksofa in der Mitte des Raums, auf dem Kissen mit auberginefarbenen Tweedbezügen prangten. Auf der Suche nach einem geschmackvolleren Ort fragte ich mich noch, warum mir Worte wie auberginefarben überhaupt geläufig waren, aber es muss wohl an eben solchen Orten wie diesem hier gelegen haben, an diesen kleinen Zetteln die überall dranhingen, mit den Musterstoffen für andere Bezüge, deren Farben alle Namen wie Aubergine, Flieder oder Petrol trugen. Petrol sah gar nicht aus wie Erdöl, aber vielleicht kam das Wort ja auch woanders her oder Rohöl war wirklich so grün, aber das glaubte ich nicht. Es war halt einfach schöner, Petrol auf den Zettel zu schreiben, als RAL 5018.

Ein Stück weiter fand ich ein einladenderes Wohnzimmer und machte es mir mit Gantenbein darin gemütlich. Ich war nicht in Eile und mochte das Buch sowieso, also beschloss ich, etwas Zeit damit zu verbringen. Max Frisch eröffnete mit unbekannter Leiche, woran ich mich nicht mehr erinnert hatte und es deshalb umso mehr genoss. Alle paar Seiten zog ich wieder weiter, aufs nächste Sofa oder den nächsten Teppich, versuchte zwischendurch mit Plastikobst zu jonglieren und verlor dabei einen Apfel und eine Banane, die unter eine Chaiselongue rollten, als ich sie fallen ließ – die Banane rutschte eigentlich eher. Das Zeug wieder da unten rauszuholen war mir dann aber zu anstrengend, es war ja schließlich nicht mein Wohnzimmer, in dem mir das Malheur passiert war und die Gastgeber nicht in Sicht. Das war nicht unbedingt die feine Englische, aber wer sollte mich schon dafür zur Verantwortung ziehen?

Die Arbeitszimmer waren kahl und nichtssagend und dank ihrer kalten Beleuchtung wenig einladend, weshalb ich sie fast gänzlich ignorierte, nur mit ein paar Bürostühlen auf und ab fuhr und mich drehte so schnell ich konnte, bevor ich zu den Küchen weiterstolperte. Um den Schwindel zu überwinden, den die Dreherei in mir hinterlassen hatte, machte ich es mir an einem sehr massiven Esstisch bequem. Ich saß auf einem äußerst komfortablen, dunkelbraunen Rattanstuhl, zwischen Schrankfronten aus weiß lasierter Eiche und einer Arbeitsplatte aus dunklem Granit. Der Tisch war laut Beschreibung aus Platane und ich fand Gefallen an seiner Maserung, aber der Rest der Einrichtung war mir zu kleinbürgerlich. Leute die so was kaufen stellte ich mir stinklangweilig vor. Ein Ehepaar aus der Kleinstadt vielleicht, beide Lehrer oder Versicherungsmakler oder so ähnlich. Sobald ich wieder aufstehen konnte, ohne gegen irgendwas dagegenzulaufen, zog es mich also weiter, in eine sehr moderne Küche mit Arbeitsplatten aus Edelstahl und Hochglanzlackierten, roten Fronten, die hier schon voller fettiger Fingerabdrücke waren und bei tatsächlicher Benutzung wahrscheinlich ununterbrochene Reinigung erforderten, um nicht immer auszusehen, als habe man sie gerade eben vom Sperrmüll gesammelt. An der tiefen, eckigen Spüle aus Edelstahl, die sich fast nahtlos in die Arbeitsplatte einfügte, war eine dieser absurd riesigen Armaturen angebracht, die man aus Großküchen kennt und die beeindruckend aussehen, aber in einem Privathaushalt irgendwie lächerlich wirken – als könne ihr Besitzer sich keinen Porsche leisten, um seinen winzigen Penis zu kompensieren. Ich lief weg von diesem Ort, der sicher voller praktischer Details steckte, aber so gefühlskalt wirkte, dass ich darin wahrscheinlich selbst am Versuch Rühreier zu machen gescheitert wäre. Die Küche in der ich am längsten saß, war vollgestopft mit bunten Dingen, die nicht recht zusammenpassten. Ein Stück Postmaterialismus inmitten der größten Möbelmarktkette der Welt, die uns, seit sie irgendwann Mitte der Achtziger im Verborgenen die Weltherrschaft übernommen hatte, mit Vorhangstoffen und Regalen, Schwingsesseln und Schlafsofas, Papierlampen und unförmigen, blauen Plastiktaschen immer weiter gleichschaltete. Wirkliche Individualität boten nur noch alte Möbel vom Sperrmüll oder sündteure Designerstücke. Ikea war sicher von zwei abgrundtief bösen schwedischen Zwillingsbrüdern gegründet worden, die genau solche Sperrmüllmöbel und Designerstücke überall aufkauften und vernichteten, weil sie davon träumten, den Kapitalismus von innen heraus zu zerstören und die Leute durch Angleichung ihrer persönlichen Lebensräume für den Kommunismus zu öffnen und…
Während der Gedanke in meinem Kopf endgültig aus dem Ruder lief, verließ ich die Küchenausstellung.

Weil ich langsam wieder Hunger bekam und mittlerweile auch lange genug durch erfundene Wohnungen und aufs konsensfähige Minimum eingekochte Einrichtungsstile gewandelt war, hielt ich mich nicht mit den Ess- und Schlafzimmern auf. Ich kämpfte mich noch durch die Kinderabteilung, in der ich nichts anfassen wollte, weil ich immer das Gefühl hatte, alles sei mit Kleinkindersabber besudelt, dann wartete der Eingang ins Restaurant, die Schwelle zum Fleischbällchenhimmel. Hungrig wie ich war, schien mir dieser Ort tatsächlich Erfüllung zu verheißen und das Gefühl zu erklären, das ich vorhin auf der Rolltreppe gehabt hatte. Nur der Torwächter der mich in die Hölle verwies, der fehlte immer noch. Ich kaufte mir bei einem selbstmordgefährdet dreinblickenden Kerl mit Fleischbällchenschaufel in der Hand den ganzen üblichen Kram, den man so kauft wenn man bei Ikea ist, mischte ein Bisschen was von dieser komischen Preiselbeerlimonade mit Cola und allem anderen was der Getränkespender hergab und suchte mir ein gemütliches Plätzchen. Ich saß am hinteren Ende des Raumes, weil am Vorderen lauter Mütter ihre Kleinkinder fütterten und ich das von jeher als schrecklich unappetitlich empfand. So weit ab vom Schuss störte mich aber niemand und ich nahm mir viel Zeit zum Essen. Zeit, von der ich zwar seit der Entdeckung des Buches nicht mehr so viel übrige hatte wie davor, aber in Eile war ich deshalb noch lange nicht. Ich beschloss, mich nach meiner recht ausgiebigen Mahlzeit, die in einem Stück grün gefärbten Irgendwaskuchens endete, zurück in die Schlafzimmerabteilung zu begeben und noch ein halbes Stündchen zu lesen, bevor ich dann nach unten gehen und die Sachen zusammensammeln würde, wegen derer ich eigentlich hergekommen war. Ich schlenderte also wieder zurück, ohne in der Kinderabteilung etwas anzufassen, suchte mir ein großes Doppelbett mit rot gepunkteter Bettwäsche aus, warf mich darauf und las weiter.

Nach einer knappen halben Seite wurde mir leider bewusst, dass ich mir das völlig falsche Bett ausgesucht hatte. Die Matratze war zu weich, das Gestell zu niedrig, die Decke zu dünn und vor allem stand es mitten im Strom der Einkaufenden, die mich ständig von Gantenbeins erfundener vorgetäuschter Blindheit ablenkten. Ich suchte also weiter, probierte schmalere, höhere, härtere und noch weichere Betten, Futons und Schlafsofas, aber nichts davon stellte mich richtig zufrieden. Manche waren zu unbequem, in anderen konnte man seinen Kopf nirgends anlehnen, um zu lesen und wieder andere standen in schrecklich hässlichen Schlafzimmereinrichtungen, die mich unruhig machten. Erst als ich ein Hochbett bestieg, das in einem Jugendzimmer, in einer abgelegenen Ecke der Ausstellung stand, fand ich Ruhe. Hier war ich weit genug weg von den anderen Leuten. Das Zimmer sah auch niemand an, weil Hochbetten bei Jugendlichen scheinbar nicht mehr sonderlich beliebt waren und so las ich in Ruhe mein Buch, immer den Plan im Hinterkopf, in einer halben Stunde wieder aufzustehen. Während ich las, merkte ich, dass der Kaffee vom Morgen endgültig seine Wirkung verloren hatte. Ich spürte, wie mein Körper sich mit den Fleischbällchen befasste und dafür all seine Energie aufwenden musste. Ich erlebte mit, wie Max Frisch den Milchmann ins Irrenhaus schickte und die Geschichte des Pechvogels, der im Lotto gewinnt, ins Leere laufen ließ und schlief dabei ganz friedlich in meinem Jugendzimmerhochbett ein.

Als ich wieder aufwachte, war mein erster Gedanke, dass ich bestimmt relativ lange geschlafen hatte und der Laden bald schließen würde. Ich fühlte mich sehr wohl in meinem Hochbett, aber die Ladenöffnungsgesetze ließen sich nicht aushebeln und es war wohl Zeit für mich, endlich nach unten zu gehen, die Sachen zusammenzusammeln die ich kaufen wollte und wieder nach Hause zu fahren – Natürlich nicht ohne Hot Dog für den Heimweg. Ich wühlte mich also unter der Decke hervor, zog mein Buch aus einer Ritze neben der Matratze, stieg die Leiter herab und schlurfte, noch im Halbschlaf, in Richtung Treppe. Erst hinter der Kinderabteilung wurde mir bewusst, dass der ganze Laden im Halbdunkel lag und ein Gitter den Eingang zum Restaurant versperrte. Der Rufknopf am Aufzug reagierte nicht mehr auf meine Berührung und irgendwie waren auch keine anderen Kunden mehr zu sehen. Meine Uhr klärte mich schließlich darüber auf, dass es halb zwölf war und ich offensichtlich die Schließung verpennt hatte. Niemand hatte mich geweckt, weil ich wohl unauffällig genug gewesen war in meinem Hochbett im hintersten Eck. Ich war beruhigt, weil ich sicher sein konnte nicht zu schnarchen und somit erstklassiges Heiratsmaterial darstellte, aber auch beunruhigt, weil ich nicht wusste wie ich jetzt hier rauskommen sollte. Ich beschloss, zu den Kassen zu gehen und den Haupteingang zu probieren, vielleicht würde er ja von innen aufgehen, oder mir unterwegs ein Nachtwächter begegnen, dem ich meine Situation erklären könnte. Ich stieg also die Treppe herab und ignorierte all den Kleinkram, den ich sonst so gerne durchwühlte, lief an Küchenutensilien, Bettwäsche und Bilderrähmen vorbei, durch einen halbdunklen Urwald aus Zimmerpflanzen, bis ich im Durchgang zur Halle mit den riesigen Hochregalen stand. Erst hier kam mir der Gedanke, dass der Weg durch die Möbelausstellung und über die Rolltreppe viel kürzer gewesen wäre, aber jetzt war ich ja sowieso schon fast draußen. Der Ausgang war nicht mehr weit entfernt, aber ich blieb stehen und ging nicht weiter. Ich stockte, weil die Halle mir irgendwie unheimlich war, unberechenbar und dunkel, nur hier und da ein kleiner Fleck Panikbeleuchtung, ansonsten ein perfekter Lebensraum für all die Monster, die ich vor Jahren schon unter meinem Bett vermutet hatte. Das hätte mich natürlich nicht davon abgehalten, einfach trotzdem durch die Halle zu gehen, mittlerweile war ich schließlich erwachsen und wusste, dass es bei Ikea keine Monster gab, aber mir kam in diesem Moment ein ganz anderer Gedanke: Ich war müde und im ersten Stock standen zig Betten. Ich hätte einen Ausweg suchen und heimfahren können, sicher, aber war es nicht viel einfacher, mich wieder hinzulegen, vielleicht im Schein der Notbeleuchtung noch ein paar Seiten zu lesen und morgen, nach Ladenöffnung aufzustehen und einfach zum Ausgang herauszuspazieren? Natürlich war es einfacher. Ich ging also zurück, legte mich wieder in das Hochbett und schlug mein Buch auf. Ein Apfel auf dem Piz Kesch wurde zum gedanklichen Mord und ich schlief ein weiteres Mal ein.

Dienstag

Ich wachte wieder auf, als die ersten Kunden durch die Gänge schlichen, die ersten Babys anfingen zu schreien und eine Diskussion über das richtige Matratzenformat eine junge Ehe auf die Probe stellte. Ich fühlte mich großartig. Obwohl das Hochbett nicht sonderlich groß war, hatte ich tiefer darin geschlafen, als es mir zuhause je möglich gewesen war. In fremden Betten schlief ich gewöhnlich sehr schlecht bis überhaupt nicht, wälzte mich grundsätzlich ewig hin und her, bevor ich vor Erschöpfung einschlief und nach zwei oder drei Stunden mit schmerzendem Rücken wieder aufwachte. Nicht hier. Hier hatte ich die beste Nacht seit langem verbracht. Ich war ausgeruht und voller Energie und fühlte mich deshalb ungewöhnlich wohl dafür, dass ich in einem Möbelhaus geschlafen hatte. In meiner äußersten Entspannung beschloss ich, erst mal frühstücken zu gehen, danach endlich die Sachen zu kaufen, wegen derer ich gekommen war und schließlich heimzufahren und herauszufinden, warum mein eigenes Bett es nicht mit der Bequemlichkeit dieses hundertfünfzig Euro Klappergestells aufnehmen konnte. Vor dem Frühstück ging ich auf die Toilette, wo mir wieder der Zahnbürstenautomat ins Auge stach, dessen Existenz ich sofort ausnutzte. So dämlich ich auch ausgesehen haben mag, als ich mir an einem der zehn oder zwölf Waschbecken in der Kundentoilette die Zähne putzte, so wenig dämlich fühlte ich mich dabei. Es war eine nette Abwechslung und Abwechslung hatte ich schließlich gesucht. Ich kaufte mir im Restaurant Kaffee – heute nur eine Tasse – und Mandelkuchen, setzte mich weit vorne ans Fenster, weil die Mütter mit den sabbernden Kleinkindern noch mit Möbeln beschäftigt waren und genoss die Aussicht auf einen verregneten Parkplatz, der heute nicht halb so voll war wie gestern. Mein Auto auf dem Nachbarparkplatz konnte ich auch sehen und ich fühlte mich ein Bisschen so, als wäre ich hier gerade erst eingezogen und müsste mich noch in meiner neuen Wohnung einleben. Meine alte, eigentliche Wohnung vermisste ich überhaupt nicht.

Ich probierte noch ein paar Kinderstühle aus, die mich unbewusst anzusprechen schienen und fühlte mich dabei wie ein Riese, weil ich mich gerade gerne wie ein Riese fühlen wollte. Danach schlenderte ich die Treppe herab, schnappte mir einen Einkaufswagen und begann Gläser und Servietten, Vasen, Bilderrähmen, eine Stehlampe und andere Dinge einzuladen. Als ich schon wieder bei den Pflanzen war, fiel mir ein, dass ich das Buch im Hochbett vergessen hatte. Ich schob also meinen Wagen auf die Seite und lief wieder zurück zur Treppe, nach oben und zu meinem Jugendzimmer, wo ich es in der gleichen Ritze vorfand, in die es schon gestern gerutscht war. Auf dem Weg zurück zu meinem Wagen verfiel ich ein weiteres Mal seinem Reiz. Meine Sachen würde schon niemand in die Regale zurückräumen, wenn ich sie da unten eine halbe Stunde lang alleine ließ. Ich setzte mich also auf ein weißes Sofa mit brombeerfarbenen Kissen und fand ein Eselsohr wo ich aufgehört hatte zu lesen. Normalerweise machte ich nie Eselsohren in meine Bücher, aber gestern Abend hatte ich wohl im Halbschlaf kein Buchzeichen finden können und war auf diese Technik ausgewichen. Warum auch nicht, ich wollte ja neue Dinge ausprobieren und Veränderung in mein Leben bringen. Wenn es solche Kleinigkeiten sein sollten, die sich veränderten, dann war mir das genauso recht. Nicht mal Geld musste ich dafür bezahlen. So hatte ich mir das nicht vorgestellt, aber dank Ikea wehte plötzlich ein frischer Wind in meinem Leben. Ich las weiter und sogar Max Frisch war offensichtlich meiner Meinung. Enderlin bereute sein unkontrolliert triebhaftes Handeln, Gantenbein heiratete Lila, die ihn unablässig betrog. Ich war mir sicher, er machte sich selbst was vor, wenn er behauptete, dass das schon in Ordnung sei wie es ist und urplötzlich stand da ein Satz, der für mich in diesem Moment zum wichtigsten des ganzen Buches wurde:
„Alltag ist nur durch Wunder zu ertragen.“
Gantenbein hatte Recht. Er hätte nicht mehr Recht haben können und just in diesem Moment stand mein Entschluss fest, hierzubleiben und zu sehen, welche Wunder Ikea mir zu bieten hatte. Vielleicht wäre es mir bald zu viel und ich wollte in meine Wohnung zurück, dann könnte ich meinen Wagen nehmen, zur Kasse gehen und nach Hause fahren, aber nicht jetzt. Jetzt war mein Zuhause hier.

Ich begann mir einen Plan zurechtzulegen, um unerkannt zu bleiben. Ich musste in Bewegung bleiben, durfte nicht zu lange in der gleichen Abteilung bleiben, weil die Mitarbeiter sich dann an mein Gesicht erinnern könnten. Ich suchte nach Bettkästen, Schubladen, Hängeschränken, Wäschetonnen, Truhen und allen anderen Aufbewahrungsmöglichkeiten, die nicht oft geöffnet wurden, was einfach war, weil die Leute bei Ikea immer nur die oberen Schubladen und die gute erreichbaren Schränke öffnen. Auf Truhen, die ich für mich haben wollte, stellte ich einfach eine Lampe oder irgendeine der Plastikattrappen, die ja im Übermaß verfügbar waren. Die Leute hätten sich bestimmt getraut, die Sachen zur Seite zu stellen und in die Truhen zu sehen, aber ich wusste, dass sie es nicht tun würden, weil es einfach zu unbequem war. Man kommt nicht zu Ikea um umzuräumen, sondern um faul durch die Ausstellung zu schlendern und alles halbherzig anzuschauen, danach Zeug zu kaufen, das man eigentlich gar nicht braucht und am Ende mit einem Hot Dog im Magen heimzufahren. Ich wusste das, weil ich bisher einer von tausenden anderen, ganz normalen Kunden gewesen war. Bisher. Die Kundentoilette bot mir Zahnbürsten, Erfrischungstücher und Flüssigseife, mit denen ich einen angemessenen Hygienestandard aufrechterhalten könnte. Handtücher gab es in der Badezimmerabteilung zur Genüge, die würden mir nicht so schnell ausgehen. Ich dachte daran, wie ich mir bei meiner Ankunft, die schon Ewigkeiten zurückzuliegen schien, den Mann mit der Zahnbürste vorgestellt hatte und mir wurde klar, dass ich morgen früh schon zum zweiten Mal dieser Mann sein würde. Ich suchte mir einen Kleiderschrank aus, den niemand öffnete, weil er in einem schmalen Gang neben einem bedeutend schöneren Schrank stand, einem mit Schiebetüren, die den Leuten offensichtlich haptisch viel mehr zusagten als die konservativen Klapptüren des Modells meiner Wahl. Er sollte mein Versteck für den Abend werden. Um nicht zu riskieren, entdeckt und rausgeworfen zu werden, wollte ich mich vielleicht eine halbe Stunde vor Ladenschluss darin verstecken und die Schließung abwarten. Danach würde ich wieder mein Hochbett beziehen und dort eine weitere, großartige Nacht verbringen. Ich folgte den Mitarbeitern, um die Wege zu kennen, die sie nehmen, entdeckte dabei ein paar Abkürzungen und folgte schließlich einer blonden Küchenverkäuferin bis zu den Mitarbeiterumkleiden. Sie verschwand in der Tür und ließ mich mit einem Gedanken zurück, der sich in meinen Gehirnwindungen breitmachte:
„Was, wenn ich es schaffe, mir so ein gelbes Polohemd zu besorgen?“
Ich überlegte lange, entfernte mich dabei von der Tür, um nicht aufzufallen und kam schließlich zu dem Entschluss, dass ich das Risiko einfach eingehen müsste. Ich wartete also, bis alle Mitarbeiter die ich beim Betreten der Umkleide beobachtet hatte wieder herausgekommen waren und ging dann zielstrebig, in der Hoffnung nicht nervös zu wirken, selbst durch die Tür.

Hinter ihr lag ein heller Gang von etwa Zehn Metern Länge. Auf der linken Seite Toiletten und ein Büro, rechts eine Teeküche und ein Raucherzimmer und ganz vorne, mit einem Roten Schild versehen, die Tür zur Umkleide. Ohne zu zögern lief ich auf sie zu. In der Kaffeeküche unterhielten sich Menschen, die ich nicht beachtete und von denen ich hoffte, dass sie es mir gleich taten. Ich lief schnurstracks bis zur Umkleide, setzte ein unbeteiligtes Gesicht auf und trat ein. Ich fand zwei Männer vor, die sich in der linken Raumhälfte über Fußball unterhielten und offensichtlich gerade Schichtende hatten. Sie beachteten mich kaum und merkten auch nicht, dass sie mich hier noch nie gesehen hatten. Ich, der ich deutlich aufmerksamer war, bemerkte aber in der rechten Hälfte ein gelbes Polohemd, das an einem Kleiderhaken hing und aussah, als könne es mir passen. Ich schlenderte also mit äußerster, gespielter Routine zu dem Hemd, schnappte es mir, zog es über meinen Kopf, als täte ich das jeden Tag und ging wieder zur Tür. Als ich schon die Klinke in der Hand hatte, drehte sich plötzlich einer der beiden Fußballdiskutierer zu mir, sah mich geradewegs an und sagte „Mahlzeit“. Mir wurde eiskalt, ich antwortete mit der am wenigsten zittrigen Stimme, die mir zur Verfügung stand „Mahlzeit“ und trat in den Gang zurück. Als die Tür ins Schloss gefallen war, wollte ich schon losrennen, aber ich blieb stehen, weil mir klar war, dass ich jetzt die perfekte Tarnung hatte. Ich ging entspannt den Gang herab, klopfte im Vorbeigehen an den Türrahmen der Teeküche und sagte „Mahlzeit“, bekam ein mehrfaches Echo zu hören und verschwand wieder in den Markt. Mahlzeit konnte man also wirklich den ganzen Tag lang sagen.

Ich fühlte mich jetzt sicherer als vorher, was absurd war, da mir ja eigentlich nichts passieren konnte. Der Laden war geöffnet, niemand wusste davon, dass ich die letzte Nacht hier verbracht hatte und mit dem Hemd hatte ich jetzt die Möglichkeit überall hinzugehen. Ich beschloss, es vorerst nicht zu riskieren. Als Kunden würde mich niemand beachten oder irgendwas von mir wollen und außerdem hatte ich Hunger und war mir ziemlich sicher, noch nie einen Mitarbeiter im Restaurant gesehen zu haben. Ich zog das Hemd also in der Kundentoilette aus, faltete es klein zusammen, schnappte mir eine der unförmigen Taschen und tarnte es damit. Ich trug es in die kleinbürgerliche Küche mit den weißen Eichenfronten und steckte es in die am wenigsten abgegriffene Schublade. Ich vermutete, dass Leute die von derart spießigen Möbeln angezogen werden zu alt seien, um die unteren Schubladen zu öffnen. In der Postmaterialistenküche von gestern hätte man es sofort entdeckt, dort waren ständig junge Leute, die voller Tatendrang alle Beschläge ausprobierten und auch die letzten Winkel durchsuchten. Die Eichenküche interessierte kaum jemanden.

Ich aß im Restaurant mehr Fleischbällchen und mehr Mandelkuchen, nahm mir noch Schokolade mit und begann endlich, mein neues Zuhause wohnlich zu machen. Die Namen der Möbel bei Ikea hatten mir nie gefallen. Ich fand sie irgendwie dämlich und meistens auch unpassend. Ich sammelte deshalb, die Schilder der wenigen Möbel ein, deren Namen mir gefielen und verstaute sie in einer Nachttischschublade, von wo aus ich sie später ihrem neuen Zweck zuführen wollte. Danach holte ich von unten ein paar Handtücher und Servietten, die ich in anderen Schränken versteckte, um einen greifbaren Vorrat zu haben, schließlich wohnte ich ja hier. Auch einen Kaktus stellte ich nach oben, in das Jugendzimmer in dem ich schlief. Ich holte mir noch einen Hot Dog, den ich wie immer mit Senf, Ketchup und Röstzwiebeln vollschaufelte, alles in meinem Bart verteilte und dann wie immer in die Kundentoilette ging, um den ganzen Mist wieder auszuspülen. Ich war ein wenig erstaunt über meine eigene Sturheit, was dieses Verhalten betraf, aber es schien mir nicht wichtig genug um weiter darüber zu sinnieren. Stattdessen suchte ich den restlichen Tag lang nach Möbeln die mir gefielen und markierte ihre Standorte auf einem Lageplan, der am Eingang ausgelegen war, mit einem dieser scheußlichen kleinen Bleistifte, die man sich immer gleich bei seiner Ankunft hinters Ohr klemmt, dann vergisst und sich später fürchterlich in die Finger rammt, wenn man sich am Ohr kratzen will. Ich markierte alles, was bequem oder schön war, mich an meine eigene Wohnung oder die Wohnungen von Freunden erinnerte oder von dem ich einfach wusste, dass ich im Laufe meines Aufenthalts hier öfters daran vorbeikommen würde. Als ich damit fertig war sah ich auf die Uhr, beschloss, dass es spät genug sei und versteckte mich in meinem hässlichen Kleiderschrank um die Schließung abzuwarten.

Es dauerte sicher zwei Stunden, bis endlich das Licht ausging und ich durch den Spalt zwischen den Schranktüren nur noch die fahle Panikbeleuchtung fallen sah. Ich wartete eine weitere halbe Stunde in der Dunkelheit, bis ich sicher sein konnte, dass niemand mehr auf den Gängen unterwegs wäre und verließ mein Versteck. Sicherheitshalber holte ich mir zuerst mein Polohemd aus der Küchenschublade, die natürlich niemand geöffnet hatte, um getarnt zu sein, falls doch noch jemand hier wäre und behaupten zu können, ich machte ein paar Überstunden. Die Sorge war unbegründet. Wie schon in der vorangegangenen Nacht, begegnete ich keiner Menschenseele. Bevor ich mich ins Bett legte, holte ich noch meine gesammelten Namensschilder aus dem Nachttisch und verteilte sie an den Möbeln, die ich in meinem Plan eingezeichnet hatte. Jetzt hatten meine Lieblingsmöbel auch schöne Namen, egal ob es ihre echten waren oder nicht. Da ich hier wohnte, konnte ich mir ja wohl die Namen meiner Sachen selbst aussuchen. Als ich fertig war und alles mit falschen Namen und teils absurden Preisen und Bezeichnungen versehen hatte, legte ich mich in mein Hochbett, schlug mein Buch auf, hatte aber irgendwie keine rechte Lust zu lesen und schlief stattdessen sehr schnell und friedlich ein.

Mittwoch

Als ich am dritten Tag erwachte – es war mittlerweile Mittwoch – war die Ausstellung bereits voller Kunden. Laut meiner Uhr war der Laden auch schon seit anderthalb Stunden geöffnet und ich fragte mich, was es mit diesem Bett auf sich hatte, dass ich so unerhört tief und fest darin schlief. Ich zog das Polohemd wieder aus, um mich ungestört waschen zu können und versteckte es einfach unter der Matratze. Für meine Ruhestätte interessierte sich ja offensichtlich eh keiner. Die Decke zog ich trotzdem sicherheitshalber ein Bisschen glatt, man weiß ja nie. Zuerst wollte ich mir ein Handtuch aus einem meiner Verstecke holen, aber ich entschied mich, tagsüber auf ihre Öffnung zu verzichten, um keine unnötigen Fragen aufzuwerfen. Ich lief also zuerst in die Badezimmerabteilung im Erdgeschoss, schnappte mir dort ein großes Saunatuch und verschwand damit in die Kundentoiletten beim Restaurant, wo ich um diese Uhrzeit die wenigsten Menschen vermutete. Ich putzte mir die Zähne mit einer Automatenzahnbürste und wusch mir die Haare mit Flüssigseife, um nicht zu verwegen auszusehen. Meine Kleidung war nicht mehr die frischeste, aber da der ganze Laden klimatisiert war hatte ich nicht viel geschwitzt und andere Menschen die umherliefen sahen tatsächlich ungepflegter aus als ich. Um nicht zu stinken reinigte ich geruchsintensive Körperregionen mit Erfrischungstüchern, die man ja vor Ort kaufen konnte und war wieder bereit, mich ins Getümmel zu werfen. Das nasse Handtuch hing ich an einen dieser Kleiderhaken in den Toilettenkabinen, an dem man seine Jacke aufhängen kann, wenn man Angst hat, dass sie sonst in die Kloschüssel hängt. Danach ging es weiter ins Restaurant, zu Mandelkuchen, Kaffee und der Aussicht auf einen halbleeren Parkplatz. Mein Auto im Hintergrund stand immer noch unverändert vor dem Elektronikmarkt und der Andrang von Vorgestern wurde immer unbegreiflicher.

Nach dem Frühstück beschloss ich, mich als Verkäufer zu versuchen. In der Küchenabteilung waren vier echte Angestellte unterwegs, unter die zu mischen ich mich nicht traute, weil sie mich wohl nach höchstens fünf Minuten enttarnt und die Polizei gerufen hätten. Die Schlafzimmer schienen ebenso beratungsintensiv zu sein und waren mit vier weiteren potentiellen Gefahrenquellen ausgestattet. Wohnzimmer, Esszimmer, alles war voll mit gelben Polohemden. Nur bei den Arbeitszimmern, die mir eigentlich gar nicht zusagten, beschränkte sich die Mitarbeiterschar auf einen einsamen, alten Mann, dem alles egal zu sein schien. Ich schlenderte also zurück in mein Jugendzimmer, zog in einem unbeobachteten Moment das Hemd unter der Matratze hervor, streifte es über und ging zielstrebig zurück, nicht ohne dabei ein paar Mitarbeiter zu grüßen und ihnen ein fröhliches „Mahlzeit“ an den Kopf zu werfen, das nie ohne entsprechende Antwort blieb. Ich schaffte es bis in die Küchenabteilung, wo mich ein offensichtlich sehr detailverliebter, um nicht zu sagen pedantischer Endfünfziger mitten auf dem Gang abpasste und mit den Worten „Ah, na endlich hat hier mal jemand Zeit für mich“ in Beschlag nahm. Er wollte wissen, ob es die Küche seiner Wahl auch mit Fronten in Alge gab. Auf meine Frage ob Blaualge oder Braunalge reagierte er pikiert und meinte, dass er nach Schlamm gefragt hätte, wenn er braune Türen in seiner Küche wollte und welcher stillose Idiot überhaupt braune Schranktüren kaufe. Ich klärte ihn auf, dass Braunalge die drittmeist verkaufte Farbe für diese Fronten war und damit weit vor Blaualge rangierte. Ich entschuldigte mich kurz, um Farbmuster zu holen, die ich in der benachbarten Esszimmerabteilung von einer Hängelampe abriss, die es in sage und schreibe fünfzehn verschiedenen Farbtönen gab. Blaualge war ihm zu türkis und er wollte stattdessen Grünalge. Grünalge erklärte ich für auf unbestimmte Zeit nicht lieferbar und auch keine gute Wahl, da sich die Farbe so schlecht verkaufe, dass er da sicher in einem Jahr schon keine Türen mehr nachkaufen könnte, falls mal eine kaputtgeht. Ich schlug stattdessen Zucchini vor, was ihm aber zu dunkel war und wir einigten uns letztlich auf einen etwas subtileren Grünton, den ich Zuckererbse taufte und ihm erklärte, dass das kein Problem sei und er sich die Türen nur an der Warenausgabe holen müsste. Er bedankte sich und ging weiter.

Die vier echten Verkäufer hatten gar nicht bemerkt, dass ich ihnen soeben einen Kunden weggeschnappt hatte, auch wenn ich mir ziemlich sicher war, dass sie noch von ihm hören würden. Sie hätten es auch gar nicht bemerken können, weil, wie mir jetzt klar wurde, in der Küchenabteilung die Hölle los war und man keine Sekunde Zeit hatte, sich um irgendwas anderes zu kümmern, als die Kunden die einen gerade mit ihren Fragen löcherten. Bei den Arbeitszimmern wäre ich wahrscheinlich sofort aufgeflogen, weil der alte Mann mich in seiner Langeweile sicher auszufragen begonnen hätte, wer ich bin und seit wann ich hier arbeite. Er hätte sich mein Gesicht gemerkt und die Abteilung wäre für mich als Zivilisten ab sofort tabu gewesen. Nicht so hier. Hier waren alle so beschäftigt, dass sie mich gar nicht beachteten und ich konnte ungestört weiterberaten. Weil ich natürlich keine Ahnung hatte, wovon ich redete, war ich einfach nett zu den Leuten und versuchte sie nicht zu enttäuschen. Keine Kombination war unmöglich, die Arbeitsplatten hatten moderate Preise und meine Farbmuster stellten fast jeden zufrieden. Ich wandelte mit den Kunden von Küche zu Küche, drehte einem schnöseligen Anzugträger die riesige Peniskrückenarmatur an und fand sogar Interessenten für die scheußlichen, weißen Eichenfronten, die ich so kleinbürgerlich gefunden hatte. So kleinbürgerlich wirkten diese Leute gar nicht, ein Ehepaar Mitte Dreißig, das ununterbrochen die Welt zu umreisen schien. Keine Lehrer oder Versicherungsmakler, sondern Journalisten die als freie Mitarbeiter für mehrere Gourmetzeitschriften arbeiteten. Dass ausgerechnet solche Leute sich ihre Küche bei Ikea kauften fand ich absurd, aber ich wollte ja alle glücklich machen, also kaperte ich einen der Computer am Infostand, wo man mich ob all der Beschäftigung genau so wenig beachtete wie vorher und suchte aus einer überraschend leicht verständlichen Datenbank Teile zusammen, aus denen man wahrscheinlich höchstens eine halbe Küche bauen konnte. Ich druckte die Liste aus, gab sie dem netten Pärchen und schickte sie damit zur Warenausgabe, nachdem ich mich noch herzlich von ihnen verabschiedet hatte.

An dieser Stelle beschloss ich, dass es Zeit war das Hemd wieder abzulegen. Den anderen Kunden hatte ich einfach was vorgelogen um sie kurzzeitig zufriedenzustellen, aber diese beiden waren wirklich sympathisch gewesen und hatten auch tatsächlich etwas gewollt, dass ich ihnen bieten konnte, aber ich hatte versagt und ihnen nur eine halbe Küche zusammendilletiert. Sie würden es sicher erst beim Aufbauen bemerken und dann todtraurig sein, dass nicht alles da ist und ich wäre schuld daran. Sie taten mir leid, aber ich konnte sie auch nicht aufklären, weil ich dann aufgeflogen wäre, also verließ ich die Küchenabteilung. Eine junge Mutter vertröstete ich mit der Erklärung ich müsse ins Personalbüro und eilte zu meinem hässlichen Kleiderschrank. Wahrscheinlich war es schlau gewesen jetzt aufzuhören, weil sicher bald die ersten meiner Kunden zurückkommen würden, die sich beschweren wollten, mich aber ohne mein Hemd nicht mehr erkannten. Kleider machen eben Leute und beim Hauptmann von Köpenick hat sicher auch keiner aufs Gesicht geachtet. Wahrscheinlich war es auch an der Zeit, weil ich sowieso Hunger hatte und mir mal wieder einen Hot Dog kaufen wollte, aber eigentlich hörte ich auf, weil mir nicht mehr danach war. Mir war nicht mehr danach, weil ich mich fühlte, als wäre ich zu weit gegangen, als ich das Journalistenehepaar um seinen reibungslosen Kücheneinbau betrogen hatte.

Ich stieg in den Schrank, zog das Hemd aus, ließ es dort zurück, weil ich damit zu viel Unheil angerichtet hatte und ging essen. Es gab wie immer Fleischbällchen mit Salzkartoffeln und Preiselbeeren und Mandelkuchen, dazu undefinierbares Mischmasch aus allem was der Getränkespender hergab und sabbernde Kinder am anderen Ende des Raumes. Ich fragte mich, was in diesen Fleischbällchen eigentlich so alles verarbeitet wird und was in den Hot Dogs steckt. Man hört ja immer diese grausigen Geschichten und weiß dann doch nicht, ob das Panikmache ist oder wirklich so schlimm. Ein Bisschen Knorpel hat noch niemanden umgebracht, aber Schweineaugen will man dann ja doch nicht essen. Ich kam zu keinem Ergebnis, außer dass Fleischbällchen mich langsam langweilten und verschwand wieder zu den Schlafzimmern. Es war schon Abend geworden und seitlich im Hochbett fand ich mein Buch wieder. Ich las beim letzten Eselsohr weiter, vielleicht zehn Seiten, dann war es wieder Zeit meinen Schrank aufzusuchen und auf die Schließung zu warten. Ich schloss mich ein, wartete – fast schon routiniert – ab, bis es dunkel war und ging zurück zu meinem Bett, um mich wieder dem Buch zu widmen.

Ich wollte es genießen, aber es kamen immer mehr erfundene Personen ins Spiel, die durch erfundene Handlungsstränge irrten, die sich wiederum dauernd veränderten und letztlich doch sowieso nur von einer erfundenen Person erfunden waren. Das missfiel mir, weil ich irgendwie die Realität zu vermissen begann, aber die fand ich auch außerhalb des Buches nicht. Ich befand mich in einem erfundenen Jugendzimmer angefüllt mit leeren Büchern, die erfundene Titel trugen und einem Fernseher im Eck, der nur eine Attrappe war. Um mich herum waren zig erfundene Räume, von denen keiner mehr als drei Wände hatte, in denen die Wasserhähne kein Wasser, die Fernseher kein Bild und die Stereoanlagen keine Musik von sich gaben. Das Obst konnte man nicht essen, die Bilder an den Wänden waren überall gleich, die Schubladen, Schränke und Truhen waren leer, bis auf die paar Dinge, die ich selbst darin versteckt hatte. Das Besteck war an den Tischen festgeklebt, die Betten wurden jeden Tag von hunderten Menschen frequentiert, die im Schnitt vielleicht fünf oder zehn Sekunden darin verweilten und sofort weitergingen. Ich strich durch die Gänge und sah überall perfekt abgestimmte Wohnwelten voller pseudokreativem Pseudoindividualismus, der sich dann doch alle paar Meter wiederholte. Keine Kratzer, keine Macken, keine fehlenden Ecken und Kanten. Eine beständige Ordnung gab es aber hier genauso wenig wie bei Gantenbein, weil die Kunden dauernd alles herumschoben und umdrehten und ein Stück weit mitschleiften, um es dann woanders stehen zu lassen. Ich befand mich in einer Hölle aus erfundenen Persönlichkeitsentfaltungsräumen, die durch den dauernden Einfluss fremder Persönlichkeiten nie zu Ruhe kamen und nie ganz stimmig waren. Ich ging in ein kahles, nichtssagendes Arbeitszimmer, um nicht diese zermürbenden Details vor Augen haben zu müssen. Das beruhigte mich, aber ich sehnte mich nach meinem echten Zuhause und wollte weg von hier. Ich lief zur Rolltreppe in den Himmel, der plötzlich nicht mehr an ihrem oberen, sondern am unteren Ende zu liegen schien und rannte sie herab. Der Haupteingang war verschlossen, die Tür zu den Büros ebenfalls und alle anderen Türen die ich fand waren alarmgesichert. Kein Ausweg, kein Entkommen, keine Freiheit. Mir blieb nichts übrig, als eine letzte Nacht hier zu verbringen. Ich stieg also die Treppe wieder hinauf in die Hölle, schleppte mich widerwillig in mein Hochbett, das mir heute gar nicht mehr so bequem erschien und wälzte mich lange hin und her, bevor ich endlich einschlafen konnte. Ich träumte von Blaualgen.

Donnerstag

Am Donnerstag, dem vierten und letzten Tag meines Aufenthaltes, wachte ich nicht von selbst auf, sondern wurde wachgerüttelt. Es war ziemlich genau halb zehn, der Laden musste also gerade geöffnet haben. Kunden waren noch kaum zu sehen, aber vor meinem Bett stand eine streng dreinblickende Brünette, Ende dreißig, Pferdeschwanz, gelbes Polohemd. Ich gähnte ihr ein kehliges „Mahlzeit“ entgegen, bevor mir klar wurde, dass ich aufgeflogen war.

„Ja sagensemal, wir sind hier doch kein Hotel“ waren die ersten Worte, die ich an diesem Tag vernahm. Ich versuchte mich rauszureden, dass ich nur kurz eingenickt war, aber das nahm sie mir nicht ab. Es war offensichtlich, dass ich die letzte Nacht hier verbracht hatte. Sie holte den alten Mann aus den Arbeitszimmern hinzu und die beiden hielten mich erst mal fest. Dem Gespräch, das sie führten, während sie überlegten, was sie mit mir anstellen sollten entnahm ich, dass mein Handeln wohl nicht unbemerkt geblieben war. Wahllos vertauschte Namensschilder an den Möbeln, eine auffällige Anzahl von Kunden, die Sachen in Farben kaufen wollten, die gar nicht im Programm sind und jetzt ich, hier in diesem Bett. Von einem Ehepaar mit halber Küche erwähnten sie nichts, aber die hatten wahrscheinlich auch gerade erst mit dem Aufbau begonnen und kämen erst in ein paar Stunden wieder her. Ich mischte mich ein und erwähnte, dass das mit den Namensschildern doch auch über einen längeren Zeitraum passiert sein könnte, als Scherz. Vielleicht war es ein Kunde gewesen, oder ein Mitarbeiter, oder sogar mehrere Kunden, die unabhängig voneinander gehandelt hatten. „Hier war am Montagvormittag erst Inventur Bürschchen, so lange kanns wohl nicht gedauert haben“, warf mir die Brünette an den Kopf. Ich mochte sie nicht sonderlich, mit ihrer unfreundlichen Art, aber wenigstens wusste ich jetzt, wieso der Parkplatz voll gewesen war. Ein Rätsel weniger. Man wusste nicht genau was man mir eigentlich vorwerfen sollte und wartete deshalb erst mal auf den Marktleiter, der wohl schon die Polizei verständigt hatte, weil man ja nicht sicher sein konnte, ob ich nur Hausfriedensbruch begangen oder vielleicht sogar was geklaut oder in die Fleischbällchen gespuckt hatte. Ich hatte natürlich nichts davon getan, aber dass man mir das einfach so glauben würde schien unwahrscheinlich. Es war offensichtlich, dass man mich zwar nicht durchschaut hatte, sich aber sicher war, dass ich irgendwas Unrechtes getan haben musste. Wenn die ganze Geschichte geklärt wäre, dann würde man möglicherweise darüber lachen, mir Hausverbot geben und nichts weiter, aber vielleicht würde ich auch in der Psychiatrie landen, nach dieser komischen Nummer. Vielleicht würde die Geschichte auch durch die Presse gehen und ich müsste das alles meinen Freunden erklären, worauf ich etwa so scharf wie auf die Psychiatrie war. Ich dachte also kurz darüber nach, was jetzt zu tun wäre, wartete auf einen Moment in dem mich nur der alte Mann festhielt, der nicht mehr besonders robust wirkte, riss meine Hand los und rannte weg.

Die beiden verfolgten mich und schrien mir nach, aber ich kannte die Wege und lief solange um Ecken, bis sie mich nicht mehr direkt im Blick hatten, dann zurück in die Schlafzimmerabteilung und in den hässlichen Schrank. Ich tastete auf dem Boden nach meinem Polohemd und fand es, wo ich es gestern zurückgelassen hatte. Ich zog es über, öffnete die Tür einen Spalt weit und sah die beiden vorbeirennen. Ich verließ den Schrank und ging ruhigen aber zügigen Schrittes in die Gegenrichtung, nur weg von ihnen, aufs Restaurant zu. Ich wusste, dass ich dort zur Rolltreppe nach unten abkürzen könnte, um nicht auch noch durch das ganze Erdgeschoss zu müssen. Dummerweise standen genau bei der Rolltreppe meine beiden Verfolger, die ich aus der Kinderabteilung, hinter einer Kiste Plüschratten versteckt, beobachten konnte. Der kurze Weg war abgeschnitten, also blieb mir nichts anderes, als die Treppe ins Erdgeschoss zu nehmen und mich durch den ganzen Laden bis zu den Kassen vorzukämpfen und meine Flucht auf diesem Weg zu Ende zu führen. Das Hemd war schon mal hilfreich, schließlich suchte man nach einem Kunden und nicht nach einem Mitarbeiter – Zumindest hoffte ich, dass man noch nicht weit genug gedacht hatte, um auf die Idee zu kommen, ich könnte eines der Dinger in meiner Gewalt haben.

Ich lief die Treppe herab, auch weiterhin nicht zu schnell, um nicht aufzufallen. Hier unten kannte ich mich nicht gut aus, den Plan, auf dem ich die Möbel eingezeichnet hatte, trug ich auch nicht mehr bei mir. Ich musste ihn wohl verloren haben und sicher würde er bald jemandem hilfreiche Dienste dabei erweisen, mein Vorgehen nachzuvollziehen. Ohne ihn wusste ich natürlich nicht wo ich abkürzen konnte und musste meine Augen offen halten. Nach der ersten Kurve, bei den Teppichen, kam mir plötzlich ein Mann um die fünfzig im Anzug entgegen, der von zwei Polizisten gesäumt wurde. Ich spürte kalten Schweiß am ganzen Körper, aber meine einzige Chance war jetzt, mein Mitarbeiterdasein glaubhaft darzustellen. Ich lief also direkt auf die drei zu, überlegte noch, wie hierarchisch die Strukturen bei Ikea wohl waren, entschied mich für wenig hierarchisch und sagte im Vorbeigehen wie immer „Mahlzeit“. Der Marktleiter antwortete natürlich prompt und sehr freundlich, ebenfalls mit „Mahlzeit“ und auch die beiden Polizisten schlossen sich an. Ich ging an ihnen vorbei und fühlte mich großartig. Ich hatte den Chef des Ladens und die Polizei getäuscht. Ich war praktisch unbesiegbar. In der Lampenabteilung gab ich noch schnell einer jungen Mutter, die über die Neugestaltung ihres Wohnzimmers grübelte, meine Farbmuster für den Lampenschirm, die sie natürlich auch gerne mitnehmen und daheim an ihre Wand halten dürfte. Keine zwei Minuten später hatte ich die Kassiererinnen bereits mit einem letzten „Mahlzeit“ hinter mir gelassen und stand in der Ausgangshalle. Bevor ich gehen konnte musste ich noch eine letzte Sache erledigen. Ich ging zum Imbissstand gegenüber, kaufte mir einen Hot Dog und belud ihn mit so viel Ketchup, Senf und Röstzwiebeln wie ich tragen konnte.

Als ich die Türschwelle überschritt biss ich zum ersten Mal hinein. Er schmeckte nicht besonders, aber am Ende eines Besuchs bei Ikea kauft man sich nun mal einen Hot Dog, darauf konnte ich ja schlecht einfach so verzichten. Ich überquerte sehr selbstsicher, fast arrogant den Parkplatz, während ich im Nieselregen zu Ende aß. Es war kühl und roch nach einer Mischung aus nassem Asphalt und dem nahegelegenen Waldstück. Seit Montag hatte ich keine unklimatisierte Luft mehr geatmet. Ich genoss es und sah sicher sehr glücklich aus. Ich überquerte die Straße zum Nachbarparkplatz, schloss mein Auto auf, setzte mich hinein und sah in den Rückspiegel. Mein Bart war voller Senf, Ketchup und Röstzwiebeln. Ich wühlte in meinen Taschen und fand ein Erfrischungstuch. Es war das Tuch, das ich am Montag in weiser Voraussicht gekauft hatte, nachdem Ich den Automaten entdeckt hatte. Ich wischte mir damit mein Gesicht sauber und wollte schon losfahren, als mir auffiel, dass ich noch das Polohemd trug. Ich zog es aus, stieg aus dem Auto und warf es in den nächsten Mülleimer.

Auf der Heimfahrt fiel mir ein, dass ich das Buch zurückgelassen hatte. Vielleicht wäre es schön gewesen, es als Erinnerung zu behalten, aber daheim hatte ich ja meine eigene Ausgabe davon. Daheim, in meiner Wohnung, wo keiner die Möbel rumschiebt, alles so ist wie ich es will und kenne, alles noch da steht wo ich es gelassen habe, wo aus den Wasserhähnen Wasser kommt und man nachts das Licht selbst ausschalten kann. Daheim könnte ich duschen und mir was anderes als Fleischbällchen kochen und frische Unterwäsche anziehen. Ich müsste keine Spuren verwischen und mich nicht in hässlichen Kleiderschränken verstecken, mich vor niemandem rechtfertigen und nicht vor der Polizei weglaufen und alles wäre einfach meins. Ich liebte meine Wohnung und war mir sicher, dass ich so schnell nicht wieder auf die Idee käme, etwas an ihr ändern zu müssen.

An einer Ampel zog ich mein Telefon aus dem Handschuhfach und sah nach was ich seit Montag verpasst hatte. Zweiundsiebzig Anrufe, achtunddreißig SMS, die Mailbox war randvoll. Offensichtlich hatte ich die letzten Tage vergessen arbeiten zu gehen.


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