The Necessary Hate

Kunkel #35: Kein Flugschein!

Es ist seine Weste, an der man es erkennt. Es sind nicht die braunen Locken und es ist nicht der gnadenlos ĂĽberholte Schnauzer, den zu tragen sich nicht mal ein Polizist trauen wĂĽrde. Sicher haben Schnauzer im Polizeidienst Tradition, aber das Ding ist selbst dafĂĽr zu viel, zu buschig, zu aufdringlich. Man bekäme Probleme, weil man damit nicht mehr verständlich reden und so auch niemanden ordentlich festnehmen, anschreien oder mit haltlosen Verdächtigungen ĂĽberhäufen könnte. Er hingegen, kann diesen entstellenden Haarbatzen tragen, weil man das Problem in seinem Beruf nicht hat. Seinesgleichen redet nicht viel. Er muss eigentlich nur einen einzigen Satz halbwegs verständlich aussprechen können, alles Weitere funktioniert auch ohne Reden – wahrscheinlich sogar besser als mit. Nuscheln schadet ihm nicht und ein seriöser Auftritt scheint in seinem Metier auch nicht gerade oberste Priorität zu genieĂźen. Seine Kollegen sehen meistens aus wie Obdachlose oder Schwerverbrecher, wenigstens wie Leute, die man erst Wochen nach ihrem Tod, halbverwest in einer Wohnung voller MĂĽll entdecken wird. Er passt also ziemlich gut in den Job, mit seinem Schnauzer und seiner Weste. Eine dunkelbraune Lammfellweste, wie man sie eigentlich nur an Lastwagenfahrern sieht. Vielleicht war er ja mal Lastwagenfahrer, damals, in besseren Zeiten, bevor es ihn hierher verschlagen hat. Vielleicht kommt er auch aus irgendeinem Kaff, am Arsch von Mecklenburg, wo man sich keinen groĂźartigeren Beruf als Fernfahrer vorstellen kann, weil Fernfahrer – wie das Wort schon vermuten lässt – sich meist fern von Mecklenburg aufhalten. Vielleicht werden Lammfellwesten tragende Möchtegernasphaltcowboys dort ja wie groĂźe Helden verehrt, weil alle anderen Leute aus der Gegend noch beschissenere Jobs haben, Därme ausblasen in einer Wurstfabrik zum Beispiel, oder die arme Sau sein, die nach jedem Musikantenstadl die Identitäten derer klären muss, die im Publikum an Altersschwäche gestorben sind. Sicher nicht schön, sicher mit erheblicher Geruchsbelästigung verbunden und sicher trotzdem besser als das, was er macht. Die Weste schreit es förmlich heraus: Er ist U-Bahn Kontrolleur.

Da steht er jetzt also, mit seiner Weste und seinem Zettelblock. Er sieht gerne so aus, seine fehlgeleitete Sozialisation hindert ihn ja auch daran, zu kapieren, dass er sich vollkommen lächerlich macht, wie irgendein Depp, der heute noch mit einem hochgeföhnten Vokuhila durch die Gegend rennt, oder eben jemand, der Lastwagenfahrer toll findet. Er mag sich und normalerweise sollte man das wohl gut finden, aber irgendwie mag ich ihn trotzdem nicht. Er hat diese typische „ich mach hier ja nur meinen Job“ Ausstrahlung, die er als Entschuldigung für die Tatsache vorschiebt, dass er einfach gerne ein pedantisches Arschloch ist und nicht unerheblich Spaß daran hat, wenn die Leute nervös werden, sobald er seinen laminierten Korinthenkackerausweis rauszieht. „Dann wollen wir doch mal sehen, ob ihr eure Monatsmarken auch alle in die richtige Hülle gesteckt habt, ihr Kröten“, denkt er sich dann. Und kaum versieht man sich, hat er wieder wen an der Angel. Gerade füllt er quälend langsam einen seiner Zettel für einen elf- oder zwölfjährigen Jungen aus, der Jogginghosen trägt und, seinem Gepäck nach zu urteilen, gerade aus einem Ferienlager kommt. Bestimmt riecht alles, was er trägt und dabei hat, nach Lagerfeuer und er will eigentlich nur endlich nach Hause und duschen. Er wirkt ein Bisschen angekratzt, hat diese Prozedur wohl noch nie miterlebt, aber sein Begleiter, der auch nicht älter als fünfzehn sein kann, tätschelt ihm breit grinsend den Kopf. Er kennt sich damit offensichtlich schon besser aus. Der Kleine fügt sich seinem Schicksal, versteht schnell, dass ihm die ganze Sache scheissegal sein kann und gerade als sein letzter Respekt vor der Scheinautorität des Scheintruckers von einer ausfahrenden U-Bahn in den Tunnel gesogen wird, ist der Zettel fertig ausgefüllt und er nimmt ihn, mit einem genervten „na war ja auch mal Zeit“, entgegen. Der Lastwagenliebhaber setzt sich unauffällig auf eine Bank und wartet auf den nächsten Zug, das nächste Opfer, die nächste Gelegenheit, seine Kurzzeitautorität auf die Probe zu stellen.

U-Bahn Kontrolleure stelle ich mir als den Bodensatz einer Berufsgruppe vor, an deren oberem Ende Superhelden stehen. Wer zum Superhelden nichts taugt, weil er nicht nett ist, der wird natürlich Superschurke, aber wem es einfach an Superkräften mangelt, der lässt sich eben einen Schnauzer wachsen und wird Polizist. Polizisten gibt es in vielen Abstufungen und Dienstgraden, die von brauchbarem menschlichem Material, bis runter zu totalen Vollidioten reichen. Parallel zur Polizistengruppe existiert die Detektivgruppe, die erst ein Stückchen weiter unten endet, weil sie noch Kaufhausdetektive umfasst, die selbst für den niedersten Polizeidienst noch zu blöd sind. Danach folgen dann Geldtransporterfahrer, Museumswächter, Bahnschaffner, Türsteher, Parkhauswächter, Klofrauen, Bahnschutzmitarbeiter und schließlich, ganz unten, Fahrkartenkontrolleure. Der Typ mit der Weste weiß natürlich nicht, dass er auf dieser Stufe steht. Er vergleicht sich lieber mit Indiana Jones, als er im letzten Kreuzzug den SS-Mann aus dem Zeppelin wirft und danach „kein Flugschein“ sagt. Ja, so stellt er sich das vor. Er ist konsequent und zum Äußersten bereit, im Notfall und auch wenn er einfach mal so Lust darauf hat, aber offiziell macht er natürlich nur seinen Job. Ich hasse diesen Pisser.

Als mein Zug kommt, steht er auf. Während die Leute aussteigen, stellt er sich brav hinten an, damit er seinen Opfern in den Rücken fallen kann. Ich gehe zum nächsten Wagen. Eigentlich könnte ich auch bei ihm einsteigen, ich habe ja ein Ticket, aber ich will ihn nicht im Blickfeld haben müssen, wenn er seinen Egotrip auslebt, schließlich wird er sicher jemanden ohne Karte finden. Die finden immer wen ohne Karte. Die ersten Leute steigen schon ein, als mir die beste Idee des Tages kommt. Ich trete einen Schritt nach vorne, um in der wartenden Menschenmenge unterzugehen, drehe mich in seine Richtung und rufe laut zu den Leuten, die bei ihm stehen: „Hey, der da, mit der Weste, der ist Kontrolleur!“ Ein paar steigen an der nächsten Tür wieder aus, die meisten gehen einfach ein Stück weiter und nehmen den nächsten Wagen, viele werfen ihm angewiderte Blicke zu. Er selbst überlegt noch, was er jetzt überhaupt machen soll, dreht sich aber schließlich resigniert um und setzt sich wieder auf die Wartebank. Wer kein Ticket hatte ist jetzt sowieso schon verschwunden. Die Türen schließen sich und ich lächle ein wenig, ohne mir zu viel anmerken zu lassen. Ob er lächelt kann ich nicht sagen, weil der Schnauzer seinen Mund verdeckt, aber ich rechne nicht damit.


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