The Necessary Hate

Zur Causa Kony

Ein paar Jungs sammeln eine Menge Geld, machen einen sehr komisch anmutenden Film und die halbe Welt schwingt sich per „Teilen“-Button zum Friedensaktivisten auf. Wer ein bisschen intelligenter erscheinen will, postet was Kritisches und zeigt, dass er ganz klar schlauer und informierter ist, als die Schafherde, die blind ein Video weiter gibt, dessen eigentliche Absicht und Aussage sie nicht versteht. Schlechter Mensch – Video gegen schlechten Mensch –  Video promoten macht mich zum guten Menschen. So einfach, so falsch.

Über Kony 2012 kann man jetzt ganz weit ins Detail gehen. Will ich aber nicht, haben andere schon gemacht. Fest steht, dass die Filmemacher, wenn sie wirklich was gegen das Böse auf der Welt tun wollen, sich mal lieber nicht auf nen anderen Kontinent begeben hätten, sondern den größten Warlord unserer Zeit bei sich vor der Haustüre suchen. Warum mal nicht über Donald Rumsfeld ein Video drehen? Warum schüttelt uns es eigentlich nicht alle vor Zorn und Scham beim Gedanken an die himmelschreienden Lügen, die als Vorwand genommen worden sind, den Irak zurück ins Mittelalter zu bomben? Ist halt auch einfacher, so nen Dschungelneger über die Kindersoldatenschiene zum Archetypen des Bösen zu stilisieren als den Teufel in unserer Mitte, gell?! Wollen wir uns jetzt wirklich streiten, ob es bestialischer ist, ganze Länder mit Millionen Einwohnern in den Krieg zu reißen oder ein paar tausend Kinder zu Soldaten zu machen? Was glaubt ihr, was aus den Kindern in den Straßen Bagdads wird, denen die Mutter davon erzählt, wie der Papa von einer US-Rakete zerrissen worden ist?

In Wahrheit geht’s um ein viel tiefgreifenderes Problem in der heutigen Gesellschaft. Und vor allem in der heutigen Jungend. Keine Generation vor uns hat es so einfach gehabt, an so viel Wissen und Informationen zu kommen. Wer hindert Euch daran, Euch mal auf die Suche nach einem ägyptischen Facebook-Kontakt zu machen und dem einfach mal eine Nachricht zu schreiben, ob er vielleicht Lust und Zeit hat, mal ein bisschen mit Euch gegenseitig den Horizont zu erweitern? Und wem das jetzt zu komisch klingt, der kann ja trotzdem immer noch Al Jazeera lesen, anstatt immer Westjournalismus. Wir könnten SO VIEL wissen, wenn wir wollten. Und wir sind so vernetzt wie noch nie. Wir wissen, was unsere Freunde wann und wo machen. Und wozu nützen wir es? Urlaubsbilder, Ich-hasse-Montag-Statusberichte und tausende bescheuerte Selbstportraits. Mir kommt es fast so vor, als hätte uns das Internet gezeigt, wie groß die Welt ist, wir davon sauber erschrocken sind und jetzt tun wir alles dafür, dass unsere Köpfe und Horizonte so eng und klein wie möglich bleiben. Ein soziales Netzwerk, das Jugendliche in der islamischen Welt dazu benützen, die Geschichte neu zu schreiben, machen wir bei uns zu einem gemütlichen Wohnzimmer, in dem wir uns gegenseitig erzählen, dass wir echt gut aussehen auf dem Foto, dass die neue Single von Madonna schon ziemlich scheiße ist und unsere junge Katze das süßeste ist, was die Welt je gesehen hat.

Und dann kommt „Kony 2012“ des Weges – Jackpot! Das Video ist zwar mit 30 Minuten viel zu lang für unser faules Hirn, aber die Message verstehen wir sofort: Da ist einer so abgrundtief böse, da gibt’s keine zwei Seiten der Medaille, da sind wir auf bruchfestem Eis. Das können wir so wie es ist weiter verbreiten und voll vertreten, dabei sehen wir total engagiert und auch ein bisschen gebildet aus, können uns aktiv fühlen und können uns trotzdem sicher sein, dass wir nix Falsches sagen. Bei den Amis, die zum Beispiel den Taliban vor 15 Jahren die Bazooks selbst gegeben haben, mit denen die nun US-Hubschrauber abschießen, wird’s schon viel unbequemer. Da wenn einer kommt und nen Kommentar schreibt, in dem er widerspricht, dann müsste man nämlich erstmal nachlesen, was so in den Golfkriegen abgegangen ist, und so weiter. Viel zu stressig für den Feierabend. Also schön raushalten und ne halbkluge, diplomatische Meinung aufziehen, so a la „Ja eigentlich sind die USA schon cool und so aber eigentlich auch nicht und so…“  Und so…

Wir machen es uns zu einfach – das ist das große Problem. Wir könnten die klügste Generation an Deutschen sein, die es je gegeben hat. Unter Freunden könnten wir uns auf Facebook per Like und Empfehlung gegenseitig schlauer machen. Gute Artikel empfehlen, nem Kumpel was auf die Pinnwand posten, was ihn vielleicht interessiert und was er noch nicht weiß. Posts kommentieren und diskutieren. Und dafür müssten wir noch nicht mal vor die Türe!! Von unserem Bett aus, mit dem Bier in der Hand, könnten wir mit einem Menschen am anderen Ende der Welt eine Diskussion führen. Und was machen wir stattdessen? Ein komisches, viel zu einseitiges Video über einen Verbrecher entweder unterstützen oder scheiße finden, ganz egal, weil morgen haben wir’s eh schon wieder vergessen. Morgen müssen wir nämlich überlegen, ob’s nich mal wieder Zeit für ein neues, cooles Profilbild is…


1 comment
  1. Metodi says: March 14, 20128:41 pm

    Die Kritik, dass man ja schlecht etwas gegen eine vereinfachte Darstellung sagen kann kam mir schon öfter unter. Man sagt, dass die Leute sich dann immerhin engagieren und weiter informieren wĂĽrden. Pustekuchen! Keiner informiert sich weiter aber alle klicken auf “like” und stellen sich quasi dahinter ohne zu wissen um was es geht.

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